Alt werden ist nur etwas für die ganz Harten! (Oder: Es ist manchmal einfach ziemlich unerquicklich.)
Erfahrungsbericht eines 85-Jährigen, der in einer Seniorenresidenz lebt
„Notizen eines Überlebenden des betreuten Wohnens“😊
Nach dem Motto:
„Hier wohne ich. Hier "leide" ich. Aber ich beobachte auch.“
Wie ich hier gelandet bin
Wer den Kopf nicht in den Sand steckt, sollte sich dem Thema Alter rechtzeitig stellen. Nicht erst dann, wenn die Treppe plötzlich den Charakter einer Alpenüberquerung annimmt oder der Einkaufskorb schwerer wird als die eigenen guten Vorsätze.
Altwerden bedeutet vor allem, das tägliche Leben Schritt für Schritt an die Realität anzupassen.
Dazu gehört irgendwann, sich von der liebgewonnenen Immobilie zu verabschieden – egal ob Haus oder großzügige Eigentumswohnung – und sich ehrlich zu fragen:
Wer mäht künftig den Rasen? Wer schleppt die Wasserkisten? Wer putzt die Fenster? Wer steigt die Treppen? Und was passiert, wenn das Badezimmer plötzlich zum Hindernisparcours wird? Usw.
Die unbequeme Wahrheit lautet:
Irgendwann funktioniert vieles nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Das ist keine Niederlage – sondern Biologie.
Der erste Schritt
Also beginnt die Suche nach einer Residenz für Betreutes Wohnen.
Die Idee ist bestechend: Man lebt weiterhin selbstständig, hat seine eigenen Möbel, seine Privatsphäre und seine Freiheit – allerdings auf etwas weniger Quadratmetern.
Dafür fallen viele Alltagslasten weg:
- Mittagessen statt selbst kochen,
- Reinigung der Wohnung,
- Rezeption als erste Anlaufstelle,
- Hausmeisterservice,
- und zahlreiche Zusatzleistungen, die man je nach Bedarf hinzubuchen kann.
Dazu kommt ein Freizeitprogramm.
Nun ja ......Manches ist durchaus gelungen.
Manches erinnert allerdings an den verzweifelten Versuch, Menschen davon zu überzeugen, dass gemeinsames Luftballonschubsen den gleichen Unterhaltungswert besitzt wie ein Abend im Theater.
Und beim gemeinsamen Singen entsteht gelegentlich der Eindruck, dass sämtliche Katzen der Nachbarschaft fluchtartig das Weite suchen.
Aber vielleicht fehlt mir dafür einfach die kulturelle Reife. 😊
Der zweite – viel wichtigere – Schritt
Mindestens genauso wichtig ist eine Frage, die viele verdrängen:
Was passiert, wenn ich pflegebedürftig werde?
Hier unterscheiden sich Residenzen erheblich.
Die eine verfügt über einen eigenen stationären Pflegebereich im selben Haus.
Die andere organisiert lediglich ambulante Pflegedienste.
Nach meiner persönlichen Erfahrung ist eine Residenz mit eigener Pflegeeinrichtung deutlich vorzuziehen.
Der Grund ist einfach:
Ambulante Pflege kommt zu vereinbarten Zeiten. Dazwischen ist man weitgehend auf sich allein gestellt. Wer morgens versorgt wurde, muss trotzdem hoffen, dass bis zum nächsten Besuch nichts Unvorhergesehenes passiert. Gerade wenn Hilfe beim Aufstehen oder beim Toilettengang benötigt wird, können Stunden erstaunlich lang werden.
Mein Fazit
Ich beobachte regelmäßig Interessenten bei ihren Besichtigungen.
Nach zwei Stunden voller Informationen folgt fast immer derselbe Satz:
„Ach, das ist alles sehr interessant. Aber ich bin noch nicht so weit.“
Jedes Mal denke ich dasselbe. Man ist nicht deshalb hier, weil man schon so weit ist.
Man zieht hier ein, bevor man so weit ist.
Denn wenn man wirklich so weit ist, entscheidet häufig nicht mehr man selbst – sondern der Rettungswagen, das Krankenhaus oder die Angehörigen. Deshalb mein vielleicht wichtigster Rat:
Treffen Sie die Entscheidung, solange sie noch Ihre eigene ist. Alles andere ist Glückssache.
Und auf Glück sollte man sich im Alter ungefähr so sehr verlassen wie auf einen Wetterbericht für den Grillabend.